En mort on se sépare
Verfasst: Freitag 26. Juni 2009, 17:39
Meine neueste Story, is aber noch nicht fertig...^^(auch wenn nicht mehr viel kommt, soll schließlich nicht zu lang werden)
Kritik immer erwünscht!
En mort en se sépare
Wussten Sie, dass man zwei Tode sterben kann? Einen friedlichen, kaum spürbaren und einen gewaltvollen, schmerzhaften? Nun ja, sicherlich schon, schließlich ist das auch schon denkbar, wenn man sich die Todesursachen ansieht. Aber wussten Sie auch, dass diese zwei Todesarten verschiedene Konsequenzen für das danach bereithalten? Bis vor kurzem habe ich es auch nicht gewusst, wobei ich auch lange gar nicht wusste, dass ich überhaupt einmal tot war, weil ich eigentlich keine Ahnung hatte, wer ich bin. Aber lassen Sie mich von vorne anfangen…
Ich zog meinen Umhang fester um mich und stapfte durch das Schneetreiben auf den Eingang des Theaters zu. Dicke Flocken flogen vom Himmel und sammelten sich nicht nur auf dem Boden, sondern, sehr zu meinem Leidwesen, auch in meinen Haaren und auf meinen Schultern, an und durchnässten beides innerhalb von Sekunden.
Das Theatergebäude überragte die anderen Häuser auf der Straße. Balkone spannten sich unter großen Fenstertüren von einer Seite des Gebäudes zur anderen, zwei übereinander, gesäumt von Balustraden aus Marmor, die mit eingemeißelten Rankenmustern verziert waren. Das Dach, von dessen Giebeln Steinstatuen herabschauten, war mit dunklen Ziegeln gedeckt. Der Eingang des Hauses wurde von großen Flügeltüren aus dunklem Holz, auch hier waren Ranken als Verzierungen angebracht, teils ins Holz geschnitzt, teils durch Eisenbeschläge, gebildet.
Die Türen standen jetzt, zur Besuchszeit, offen bewacht von zwei Männern, einer zu jeder Seite der Tür, die dafür sorgten, dass keine Bettler, die einen warmen Platz suchten, sich in das Theater schlichen, oder anderes Gesindel hineinkam. Die Adligen schätzten es nicht die Stücke zusammen mit dem einfachen Volk anzuschauen. Ich war bisher nie aufgehalten worden beim passieren der Tür, was vielleicht daran lag, dass ich immer genug Geld dabeihatte, um mir eine Karte zu kaufen, oder aber an etwas anderem, denn immer wenn ich das Theater betrat und in allen Pausen, wurde hinter vorgehaltener Hand über mich getuschelt.
Sätze wie: „Er ist um keinen Tag gealtert.“, „Das kann nicht sein!“, „Habt ihr nicht davon gehört, damals…“ und „Der sieht ihm wirklich sehr ähnlich!“, konnte ich eigentlich immer raus hören, alles andere verstummte, wenn ich mich diesen Leuten näherte, sie lächelten nur dümmlich und wandten sich anderen Gesprächsthemen zu. Und ich traute mich nicht sie direkt anzusprechen, warum wusste ich nicht, ich scheute mich sowieso davor mit anderen Menschen zu reden. Und diese schnöseligen hohen Bürger und Adligen, die nichts besseres zu tun hatten als Klatsch und Tratsch auszutauschen, konnte ich sowieso nicht leiden.
Aber war ich wirklich besser als sie? Ich wusste es nicht. Überhaupt wusste ich nichts über mich. Nicht einmal meinen Namen, der Tag an dem meine Erinnerungen begonnen hatten war im Januar gewesen, letzten Monat, deswegen nannte ich mich Janvier. Ohne auch nur einen Bruchteil davon zu wissen, wer ich war, war ich in einer, bis auf die Möbel, leeren Wohnung aufgewacht. Soviel Menschenverstand, dass ich die Möbel nach Hinweisen durchsuchte, hatte ich noch, aber ich fand nur Geld, Anziehsachen und so weiter, nichts was auf meine Identität hingewiesen hätte.
Warum das Theater solche Anziehungskraft auf mich hatte, wusste ich demzufolge auch nicht, aber fest stand, dass ich fast jede Vorstellung besuchen musste! Aber wahrscheinlich war ich sowieso ein kranker Psychopath. Als ob es nicht genug gewesen wäre, nicht zu wissen, wer ich war, nein, ich wusste nicht einmal, was ich war. Jede Woche befiel mich ein irrsinniger, ekelhafter und unnormaler Durst, der weder mit Wasser, noch mit Bier, Wein, Schnaps, oder sonst was zu stillen war(ja, ich hatte das alles ausprobiert, aber mich danach nur übergeben müssen), sondern einzig und allein mit Blut. Jedesmal wenn mich dieser Durst befiel und ich nach langem Suchen jemanden fand, an dem ich ihn stillen konnte, fing ich danach an die Menschen zu beobachten. Vielleicht ist das ja ganz normal, redete ich mir ein, aber das war es nicht, es war die am wenigsten normale Sache, dieser gottverdammten, mir völlig fremd erscheinenden Welt.
Ein Mal hatte ich versucht den Durst zu ignorieren, mit einem schockierenden Ergebnis. Ich krümmte mich den ganzen Tag lang vor Schmerzen und wenn ich in den Spiegel schaute, blickte mir kein junges, höchstens zwanzig Jahre altes, gut aussehendes, wenn auch etwas zu blasses Gesicht mit glatter Haut, gerader Nase, grünen Augen und kurzen, vollen, braunen Haaren, entgegen, sondern das Gesicht eines alten Mannes, mit Falten, grauem, schütteren Haar, blassen Augen und wächserner Haut. Verschreckt hatte ich mich abgewandt und ab der nächsten Woche sofort wieder angefangen Blut zu trinken. Es hielt mich auf wundersame Weise jung.
Abgesehen von den Theaterbesuchen, mischte ich mich nicht mehr, wie ein normaler Mensch, unter die Leute. Ich hatte Angst, dass mich dieser seltsame Durst unvorbereitet überkommen könnte und ich ihn vor den Augen anderer stillen müsste.
Ich kaufte von dem gefundenen Geld eine Karte, dann begab ich mich in den Theatersaal. Es war dunkel hier drinnen, der Vorhang war noch nicht geöffnet. Es dauerte noch einige Zeit, bis sich alle Gäste eingefunden hatten, die Tür geschlossen wurde und der Vorhang sich hob. Nur ein einziger Lichtstrahl erhellte die Bühne, auf der nur eine einzige Person stand. Eine junge Frau, mit hellbraunen Haaren, die bis zur Mitte ihres Rückens reichten. Ihr Gesicht war schöner als das jeder anderen im Saal, die Haut ein wenig blass, was man aber unter dem Rouge, das sie trug nicht erkennen konnte, nur an ihren teilweise freien Armen. Was am Meisten auffiel waren ihre leuchtenden, violetten Augen. Ich hatte noch nie zuvor einen Menschen mit violetten Augen gesehen.
Andererseits wusste ich sowieso nicht viel über die verschiedenen Eigenarten der Menschen. Vor ein paar Wochen war ich erschrocken als ich einen Dunkelhäutigen gesehen hatte, dann war mir aufgefallen, dass er sich benahm wie jeder andere und auch nicht anders sprach, die Menschen schienen also sehr verschieden zu sein. Wobei ich sicherlich einer der eigenartigsten war.
Das Kleid der Schauspielerin war weiß, bis auf einen rosanen Überrock und ein paar violett-rosa Zierstreifen, dazu trug sie violette Handschuhe und eine violette Schärpe.
Wie bei allen anderen Stücken, die ich schon besucht hatte, sagte mir der Titel überhaupt nichts, trotzdem sah ich es sich an. Schließlich kam man nicht in eine Vorstellung um etwas Altbekanntes zu sehen, sondern um neue Eindrücke zu bekommen und eine neue Geschichte kennenzulernen. Selbst wenn ich das Stück schon einmal gesehen hatte, ich konnte mich ja sowieso nicht daran erinnern.
Die Frau auf der Bühne begann mit einer sanften, aber lauten Stimme zu sprechen, die Worte klangen aus ihrem Mund wie Musik auf einem Instrument. Ihr Monolog handelte von verlorener Liebe, Kummer und Schmerz, das Stück schien also ein Drama zu sein. Kurz darauf erschien eine weitere Frau auf der Bühne, die allerdings neben der Schönheit der Violettäugigen fehl am Platz wirkte und völlig verblasste. Auch als sie die Stimme erhob, waren die Blicke des Publikums noch immer auf die andere Schauspielerin gerichtet. Die zweite Frau redete auf die Schöne ein, versuchte sie zu überzeugen, dass der Schmerz vergehen würde, aber ebenjene wollte nicht auf sie hören, schüttelte die beruhigende Hand immer wieder ab und lief von einer Seite der Bühne zur anderen. Nach einer Weile verließ die zweite Frau entmutigt die Bühne und ein schwarzhaariger Mann mit Zopf und einem langen dunklen Mantel erschien. Die Schöne drehte sich verschreckt zu ihm um und machte einen hastigen Knicks. Ihre Stimme war nun zittrig, aber immer noch ebenso wohlklingend wie zuvor. Auch wenn sie leiser redete als zuvor, war jedes Wort klar zu verstehen. Der Mann gab ihr einen Handkuss und fragte sie wie es ihr ergehe. Die junge Frau antwortete und sah ihn dabei vorsichtig an. Mir fiel auf, dass ihr Blick durch den Mann hindurchging. Sie redete mit ihm, wie es das Stück wollte, aber es wirkte, als würde sie ihn gar nicht richtig wahrnehmen. Ob das nun beabsichtigt war, oder an ihr lag, konnte ich nicht sagen. Zumindest zu jenem Zeitpunkt noch nicht.
Das Stück dauerte ungefähr zwei Stunden und handelte im Gesamten von einer dramatischen Liebesgeschichte zwischen Adligen, die im Mord an zwei Protagonisten endete. Der schwarzhaarige Mann und ein Mädchen starben. Das Mädchen getötet von dem Schwarzhaarigen, der Schwarzhaarige aus Rache von der Schönen. Im Nachhinein wusste ich wie so oft nicht, ob mir das Stück gefiel, aber ich war mir sicher, dass ich die junge, violettäugige Frau bewunderte. Sie war eine hervorragende Schauspielerin, weswegen ich mich fragte, warum sie nicht schon zuvor in einem Stück in diesem Theater mitgespielt hatte. Wahrscheinlich kam sie aus einer anderen Stadt und hatte nach hierher gewechselt. Oder sie war wirklich neu in diesem Beruf und wenn sie das war, dann war sie ein Naturtalent.
Nachdem sich alle Schauspieler unter lautem Applaus, die Schöne bekam den meisten, vorm Publikum verbeugt hatten und sich der Vorhang das letzte Mal schloss, stand ich von meinem Platz auf und zwängte mich durch die hinausströmenden Menschen hindurch nach draußen. Schon in den letzten paar Minuten des Stücks hatte ich gespürt, wie meine Kehle brannte. Das erste Anzeichen dafür, dass mich bald dieser irrsinnige Durst wieder befallen würde. Also versuchte ich so schnell wie möglich von den Menschen wegzukommen.
Vor dem Theater, zurück im Schnee, der die Straßen nun dichter bedeckte und die Nacht heller wirken ließ, atmete ich einmal tief durch und wandte mich dann von der Hauptstraße, auf der viele Kutschen und auch ein paar Automobile bereitstanden um die Gäste, die das Theater verließen, nach Hause zu bringen, weg und betrat die schmale Gasse zwischen dem Theatergebäude und dem Gebäude daneben, die nicht von Gaslaternen beleuchtet wurde. Dort angekommen lehnte ich mich an die Wand und versuchte mich zu beruhigen, den Durst zu unterdrücken. Mir gegenüber befand sich ein Seitenausgang des Theaters, der wahrscheinlich nur vom Personal, wie den Putzkräften, Küchenhilfen und Beleuchtungstechnikern benutzt wurde, nicht von den Schauspielern. Aber als sich die Tür öffnete, wusste ich, dass ich mich täuschte.
Ich traute meinen Augen kaum, als ich sah, dass die schöne, violettäugige Schauspielerin heraustrat. Jetzt trug sie ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden und einen Überwurf aus weißem Fell über einem schwarzen Kleid. Sie schaute sich seufzend zur Seite um, erst dann fiel ihr Blick auf mich, auch wenn es nicht wirkte, als würde sie mich wirkte anschauen ihr Blick fiel auf seltsame Weise durch mich hindurch, ebenso wie bei dem Mann auf der Bühne. Ein Windstoß fegte durch die Gasse, wirbelte den Schnee auf und trug den verführerischen Geruch der Frau zu mir hinüber. Eine Mischung aus zartem Rosenparfum, Puder, ihrer Haut, dem Duft ihrer Haare und einem süßlichen, ein wenig an Honig erinnernden Geruch den ich nicht zuordnen konnte. Warum ich so einen guten Geruchssinn hatte, konnte ich mir ebenso wie die Sache mit den Theaterbesuchen nicht erklären, aber jetzt war er sehr zu meinem Nachteil. Der verlockende Geruch entfachte das Brennen in meiner Kehle erneut, sodass es fast unerträglich wurde. Ich spürte wie sich gegen meinen Willen meine Oberlippe ein Stück zurückzog, meine Eckzähne sich spitzer anfühlten als gewöhnlich und ich ein seltsames Knurren ausstieß, als zu allem Überfluss auch noch mein Magen grummelte, das letzte Anzeichen dafür, dass ich es nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Der Blick der Frau, die sich eigentlich schon abgewandt hatte, zuckte auf einmal wieder zu mir zurück. Sie schien weder verängstigt, noch in Panik zu sein, sondern wirkte eher ein wenig…genervt. Sie kam ein kleines Stück auf mich zu, was nicht gerade ein Vorteil für sie war, denn jetzt konnte ich gar nicht mehr gegen meinen perversen Drang ankämpfen, ihr die Zähne in den Hals zu schlagen. Ich machte einen Satz nach vorne und stürzte mich auf sie. Die Frau schrie nicht auf, wich auch nicht zurück, sondern packte mich mit einer Hand am Hals und drückte mich gegen die Wand.
„Lass das!“, fuhr sie mich an. „Zieh die Zähne wieder ein!“ Verwirrt starrte ich sie an, der Durst war vergessen.
„Hörst du schlecht?!“ Wütend klang ihre Stimme nicht mehr so engelsgleich wie auf der Bühne, sondern sehr bedrohlich und autoritär. Sie schien keine Person zu sein, die sich wiedersprechen ließ. Ich schluckte schwer, was durch ihre Hand an meinem Hals gar nicht so einfach war, bevor ich mich gesammelt hatte und antwortete.
„W – was meinen Sie?“, brachte ich erstickt heraus.
„Bringen sie den Wechslern denn heutzutage gar nichts mehr bei?“ Sie ließ mich los und trat einen Schritt zurück. „Wer hat dir geholfen hierher zu kommen?“
„Ich weiß nicht wovon Sie sprechen…“ Ich hob meine Hand und fasste mir an den malträtierten Hals, es schmerzte nicht stark, aber ihre langen Fingernägel hatten kleine blutige Kratzer hinterlassen.
„Tu nicht so dumm, natürlich weißt du wovon ich rede. Oder hast du etwa Angst mir etwas zu erzählen, was du nicht sagen darfst?“ Sie trat wieder vor, griff mir in die Haare, bog meinen Kopf nach hinten und legte die Lippen an meine Kehle. Erschrocken wich ich zurück, als plötzlich zubiss.
„Sie – Sie sind wie ich!“ Die Frau hob den Kopf, ein kleiner Tropfen Blut zuckte an ihrem Mundwinkel, er war kurz davor sich zu lösen, was er auch tat, als sie den Mund öffnete und spitze Eckzähne entblößte. Der Tropfen hinterließ eine unheimliche, rote Spur bis zu ihrem Kinn hinab. Sie hatte dasselbe getan wie ich! Also war ich doch kein seltsamer Psychopath, vielleicht war es ja doch normal, was ich getan hatte. Aber der beängstigende Ausdruck auf ihrem Gesicht und die leuchtenden, violetten Augen, die durch mich hindurchzuschauen schienen, ließen mich daran zweifeln, dass die junge Schauspielerin normal war. Bisher hatte ich noch keinen Menschen gesehen, der so wirkte wie sie, der einem zugleich Angst machte und verführerisch wirkte.
„Nein, das bin ich nicht. Denn im Gegensatz zu dir weiß ich damit umzugehen, was ich bin.“ Sie wischte sich mit dem Ärmel über den Mund, ihre Zähne waren nun wieder ganz normal, bevor sie sich wegdrehte und auf den Ausgang der Gasse zuging, ohne auch nur einen kurzen Blick zurückzuwerfen, stolzierte sie davon. Noch ehe sie den Lichtschein der Straße erreicht hatte, war ich neben ihr und hielt sie am Handgelenk zurück.
„Womit umzugehen? Was sind Sie? Was bin ich? Wenn Sie etwas wissen, dann bitte sagen sie es mir. Ich suche schon seit zwei Monaten verzweifelt nach Antworten auf meine Fragen.“ Ich fragte nicht, ich bettelte. Bettelte um Erklärungen wie die Armen auf der Straße um Geld.
Jetzt war sie es, die mich verwirrt anschaute. „Du musst doch wissen, was du bist. Sonst wärst du nicht hier…“
Ich fasste mir an die Stirn, weil mich höllische Kopfschmerzen plagten. Ich hatte meinen Durst vorhin nicht gestillt und jetzt wo ich ihn unterdrückte, pochte mein Kopf wie wild und mein Hals fühlte sich an als hätte ich eine Wüste verschluckt und das Ganze dreimal wiederholt, sodass der heiße Sand meine gesamten Rachen auf geschmirgelt hatte.
„Eben das ist das Problem, ich habe keine Ahnung was ich bin, verdammt nochmal!“, schrie ich sie an. Mit großen und immer größer werdenden Augen sah sie mir ins Gesicht, erst jetzt ging ihr Blick nicht mehr durch mich hindurch, sondern war direkt auf mich gerichtet, erst jetzt beachtete sie mich wirklich. Plötzlich wirkte sie nicht mehr wie eine furchteinflößende Furie, sondern wie ein gleichermaßen verängstigtes wie fasziniertes kleines Mädchen.
„Du hast unbewusst gewechselt? Dir hat niemand gesagt, wie es sein wird, wenn du wieder lebst? Du hattest keine Ahnung, wer oder was du bist?“ Sie wusste etwas, endlich würde ich meine Antworten bekommen, endlich würde ich nicht mehr im Unwissen wandeln. Aber daraus wurde nichts. Gerade in dem Moment in dem sie weiterreden wollte, trat ein Mann in der Kleidung eines Kutschers an den Eingang der Gasse. Die Frau drehte sich zu ihm um, nickte ihm zu, wobei ihr Blick wieder auf diese seltsame Art und Weise durch den Mann hindurch fiel, dann wandte sie sich wieder zu mir, einen Finger auf die Lippen gelegt.
„Natürlich würde es mich freuen, für ihr neues Stück vorzusprechen Monsieur…“ Sie schaute mich fragend an.
„Janvier. Mein Name ist Janvier.“
„Gut, Janvier. Ich treffe Sie dann morgen um acht in meinem Hotel ‚La rose noir‘. Und denken Sie daran, Létitia Redouté spielt nicht in jedem Stück mit. Sie müssen sich schon etwas Gutes überlegt haben.“ Sie küsste mich zum Abschied auf beide Wangen, dann folgte sie ihrem Kutscher und verschwand um die Ecke. Ich blieb noch lange in der Gasse stehen und dachte nach, bevor ich zurück in meine Wohnung fuhr.
Kritik immer erwünscht!
En mort en se sépare
Wussten Sie, dass man zwei Tode sterben kann? Einen friedlichen, kaum spürbaren und einen gewaltvollen, schmerzhaften? Nun ja, sicherlich schon, schließlich ist das auch schon denkbar, wenn man sich die Todesursachen ansieht. Aber wussten Sie auch, dass diese zwei Todesarten verschiedene Konsequenzen für das danach bereithalten? Bis vor kurzem habe ich es auch nicht gewusst, wobei ich auch lange gar nicht wusste, dass ich überhaupt einmal tot war, weil ich eigentlich keine Ahnung hatte, wer ich bin. Aber lassen Sie mich von vorne anfangen…
Ich zog meinen Umhang fester um mich und stapfte durch das Schneetreiben auf den Eingang des Theaters zu. Dicke Flocken flogen vom Himmel und sammelten sich nicht nur auf dem Boden, sondern, sehr zu meinem Leidwesen, auch in meinen Haaren und auf meinen Schultern, an und durchnässten beides innerhalb von Sekunden.
Das Theatergebäude überragte die anderen Häuser auf der Straße. Balkone spannten sich unter großen Fenstertüren von einer Seite des Gebäudes zur anderen, zwei übereinander, gesäumt von Balustraden aus Marmor, die mit eingemeißelten Rankenmustern verziert waren. Das Dach, von dessen Giebeln Steinstatuen herabschauten, war mit dunklen Ziegeln gedeckt. Der Eingang des Hauses wurde von großen Flügeltüren aus dunklem Holz, auch hier waren Ranken als Verzierungen angebracht, teils ins Holz geschnitzt, teils durch Eisenbeschläge, gebildet.
Die Türen standen jetzt, zur Besuchszeit, offen bewacht von zwei Männern, einer zu jeder Seite der Tür, die dafür sorgten, dass keine Bettler, die einen warmen Platz suchten, sich in das Theater schlichen, oder anderes Gesindel hineinkam. Die Adligen schätzten es nicht die Stücke zusammen mit dem einfachen Volk anzuschauen. Ich war bisher nie aufgehalten worden beim passieren der Tür, was vielleicht daran lag, dass ich immer genug Geld dabeihatte, um mir eine Karte zu kaufen, oder aber an etwas anderem, denn immer wenn ich das Theater betrat und in allen Pausen, wurde hinter vorgehaltener Hand über mich getuschelt.
Sätze wie: „Er ist um keinen Tag gealtert.“, „Das kann nicht sein!“, „Habt ihr nicht davon gehört, damals…“ und „Der sieht ihm wirklich sehr ähnlich!“, konnte ich eigentlich immer raus hören, alles andere verstummte, wenn ich mich diesen Leuten näherte, sie lächelten nur dümmlich und wandten sich anderen Gesprächsthemen zu. Und ich traute mich nicht sie direkt anzusprechen, warum wusste ich nicht, ich scheute mich sowieso davor mit anderen Menschen zu reden. Und diese schnöseligen hohen Bürger und Adligen, die nichts besseres zu tun hatten als Klatsch und Tratsch auszutauschen, konnte ich sowieso nicht leiden.
Aber war ich wirklich besser als sie? Ich wusste es nicht. Überhaupt wusste ich nichts über mich. Nicht einmal meinen Namen, der Tag an dem meine Erinnerungen begonnen hatten war im Januar gewesen, letzten Monat, deswegen nannte ich mich Janvier. Ohne auch nur einen Bruchteil davon zu wissen, wer ich war, war ich in einer, bis auf die Möbel, leeren Wohnung aufgewacht. Soviel Menschenverstand, dass ich die Möbel nach Hinweisen durchsuchte, hatte ich noch, aber ich fand nur Geld, Anziehsachen und so weiter, nichts was auf meine Identität hingewiesen hätte.
Warum das Theater solche Anziehungskraft auf mich hatte, wusste ich demzufolge auch nicht, aber fest stand, dass ich fast jede Vorstellung besuchen musste! Aber wahrscheinlich war ich sowieso ein kranker Psychopath. Als ob es nicht genug gewesen wäre, nicht zu wissen, wer ich war, nein, ich wusste nicht einmal, was ich war. Jede Woche befiel mich ein irrsinniger, ekelhafter und unnormaler Durst, der weder mit Wasser, noch mit Bier, Wein, Schnaps, oder sonst was zu stillen war(ja, ich hatte das alles ausprobiert, aber mich danach nur übergeben müssen), sondern einzig und allein mit Blut. Jedesmal wenn mich dieser Durst befiel und ich nach langem Suchen jemanden fand, an dem ich ihn stillen konnte, fing ich danach an die Menschen zu beobachten. Vielleicht ist das ja ganz normal, redete ich mir ein, aber das war es nicht, es war die am wenigsten normale Sache, dieser gottverdammten, mir völlig fremd erscheinenden Welt.
Ein Mal hatte ich versucht den Durst zu ignorieren, mit einem schockierenden Ergebnis. Ich krümmte mich den ganzen Tag lang vor Schmerzen und wenn ich in den Spiegel schaute, blickte mir kein junges, höchstens zwanzig Jahre altes, gut aussehendes, wenn auch etwas zu blasses Gesicht mit glatter Haut, gerader Nase, grünen Augen und kurzen, vollen, braunen Haaren, entgegen, sondern das Gesicht eines alten Mannes, mit Falten, grauem, schütteren Haar, blassen Augen und wächserner Haut. Verschreckt hatte ich mich abgewandt und ab der nächsten Woche sofort wieder angefangen Blut zu trinken. Es hielt mich auf wundersame Weise jung.
Abgesehen von den Theaterbesuchen, mischte ich mich nicht mehr, wie ein normaler Mensch, unter die Leute. Ich hatte Angst, dass mich dieser seltsame Durst unvorbereitet überkommen könnte und ich ihn vor den Augen anderer stillen müsste.
Ich kaufte von dem gefundenen Geld eine Karte, dann begab ich mich in den Theatersaal. Es war dunkel hier drinnen, der Vorhang war noch nicht geöffnet. Es dauerte noch einige Zeit, bis sich alle Gäste eingefunden hatten, die Tür geschlossen wurde und der Vorhang sich hob. Nur ein einziger Lichtstrahl erhellte die Bühne, auf der nur eine einzige Person stand. Eine junge Frau, mit hellbraunen Haaren, die bis zur Mitte ihres Rückens reichten. Ihr Gesicht war schöner als das jeder anderen im Saal, die Haut ein wenig blass, was man aber unter dem Rouge, das sie trug nicht erkennen konnte, nur an ihren teilweise freien Armen. Was am Meisten auffiel waren ihre leuchtenden, violetten Augen. Ich hatte noch nie zuvor einen Menschen mit violetten Augen gesehen.
Andererseits wusste ich sowieso nicht viel über die verschiedenen Eigenarten der Menschen. Vor ein paar Wochen war ich erschrocken als ich einen Dunkelhäutigen gesehen hatte, dann war mir aufgefallen, dass er sich benahm wie jeder andere und auch nicht anders sprach, die Menschen schienen also sehr verschieden zu sein. Wobei ich sicherlich einer der eigenartigsten war.
Das Kleid der Schauspielerin war weiß, bis auf einen rosanen Überrock und ein paar violett-rosa Zierstreifen, dazu trug sie violette Handschuhe und eine violette Schärpe.
Wie bei allen anderen Stücken, die ich schon besucht hatte, sagte mir der Titel überhaupt nichts, trotzdem sah ich es sich an. Schließlich kam man nicht in eine Vorstellung um etwas Altbekanntes zu sehen, sondern um neue Eindrücke zu bekommen und eine neue Geschichte kennenzulernen. Selbst wenn ich das Stück schon einmal gesehen hatte, ich konnte mich ja sowieso nicht daran erinnern.
Die Frau auf der Bühne begann mit einer sanften, aber lauten Stimme zu sprechen, die Worte klangen aus ihrem Mund wie Musik auf einem Instrument. Ihr Monolog handelte von verlorener Liebe, Kummer und Schmerz, das Stück schien also ein Drama zu sein. Kurz darauf erschien eine weitere Frau auf der Bühne, die allerdings neben der Schönheit der Violettäugigen fehl am Platz wirkte und völlig verblasste. Auch als sie die Stimme erhob, waren die Blicke des Publikums noch immer auf die andere Schauspielerin gerichtet. Die zweite Frau redete auf die Schöne ein, versuchte sie zu überzeugen, dass der Schmerz vergehen würde, aber ebenjene wollte nicht auf sie hören, schüttelte die beruhigende Hand immer wieder ab und lief von einer Seite der Bühne zur anderen. Nach einer Weile verließ die zweite Frau entmutigt die Bühne und ein schwarzhaariger Mann mit Zopf und einem langen dunklen Mantel erschien. Die Schöne drehte sich verschreckt zu ihm um und machte einen hastigen Knicks. Ihre Stimme war nun zittrig, aber immer noch ebenso wohlklingend wie zuvor. Auch wenn sie leiser redete als zuvor, war jedes Wort klar zu verstehen. Der Mann gab ihr einen Handkuss und fragte sie wie es ihr ergehe. Die junge Frau antwortete und sah ihn dabei vorsichtig an. Mir fiel auf, dass ihr Blick durch den Mann hindurchging. Sie redete mit ihm, wie es das Stück wollte, aber es wirkte, als würde sie ihn gar nicht richtig wahrnehmen. Ob das nun beabsichtigt war, oder an ihr lag, konnte ich nicht sagen. Zumindest zu jenem Zeitpunkt noch nicht.
Das Stück dauerte ungefähr zwei Stunden und handelte im Gesamten von einer dramatischen Liebesgeschichte zwischen Adligen, die im Mord an zwei Protagonisten endete. Der schwarzhaarige Mann und ein Mädchen starben. Das Mädchen getötet von dem Schwarzhaarigen, der Schwarzhaarige aus Rache von der Schönen. Im Nachhinein wusste ich wie so oft nicht, ob mir das Stück gefiel, aber ich war mir sicher, dass ich die junge, violettäugige Frau bewunderte. Sie war eine hervorragende Schauspielerin, weswegen ich mich fragte, warum sie nicht schon zuvor in einem Stück in diesem Theater mitgespielt hatte. Wahrscheinlich kam sie aus einer anderen Stadt und hatte nach hierher gewechselt. Oder sie war wirklich neu in diesem Beruf und wenn sie das war, dann war sie ein Naturtalent.
Nachdem sich alle Schauspieler unter lautem Applaus, die Schöne bekam den meisten, vorm Publikum verbeugt hatten und sich der Vorhang das letzte Mal schloss, stand ich von meinem Platz auf und zwängte mich durch die hinausströmenden Menschen hindurch nach draußen. Schon in den letzten paar Minuten des Stücks hatte ich gespürt, wie meine Kehle brannte. Das erste Anzeichen dafür, dass mich bald dieser irrsinnige Durst wieder befallen würde. Also versuchte ich so schnell wie möglich von den Menschen wegzukommen.
Vor dem Theater, zurück im Schnee, der die Straßen nun dichter bedeckte und die Nacht heller wirken ließ, atmete ich einmal tief durch und wandte mich dann von der Hauptstraße, auf der viele Kutschen und auch ein paar Automobile bereitstanden um die Gäste, die das Theater verließen, nach Hause zu bringen, weg und betrat die schmale Gasse zwischen dem Theatergebäude und dem Gebäude daneben, die nicht von Gaslaternen beleuchtet wurde. Dort angekommen lehnte ich mich an die Wand und versuchte mich zu beruhigen, den Durst zu unterdrücken. Mir gegenüber befand sich ein Seitenausgang des Theaters, der wahrscheinlich nur vom Personal, wie den Putzkräften, Küchenhilfen und Beleuchtungstechnikern benutzt wurde, nicht von den Schauspielern. Aber als sich die Tür öffnete, wusste ich, dass ich mich täuschte.
Ich traute meinen Augen kaum, als ich sah, dass die schöne, violettäugige Schauspielerin heraustrat. Jetzt trug sie ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden und einen Überwurf aus weißem Fell über einem schwarzen Kleid. Sie schaute sich seufzend zur Seite um, erst dann fiel ihr Blick auf mich, auch wenn es nicht wirkte, als würde sie mich wirkte anschauen ihr Blick fiel auf seltsame Weise durch mich hindurch, ebenso wie bei dem Mann auf der Bühne. Ein Windstoß fegte durch die Gasse, wirbelte den Schnee auf und trug den verführerischen Geruch der Frau zu mir hinüber. Eine Mischung aus zartem Rosenparfum, Puder, ihrer Haut, dem Duft ihrer Haare und einem süßlichen, ein wenig an Honig erinnernden Geruch den ich nicht zuordnen konnte. Warum ich so einen guten Geruchssinn hatte, konnte ich mir ebenso wie die Sache mit den Theaterbesuchen nicht erklären, aber jetzt war er sehr zu meinem Nachteil. Der verlockende Geruch entfachte das Brennen in meiner Kehle erneut, sodass es fast unerträglich wurde. Ich spürte wie sich gegen meinen Willen meine Oberlippe ein Stück zurückzog, meine Eckzähne sich spitzer anfühlten als gewöhnlich und ich ein seltsames Knurren ausstieß, als zu allem Überfluss auch noch mein Magen grummelte, das letzte Anzeichen dafür, dass ich es nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Der Blick der Frau, die sich eigentlich schon abgewandt hatte, zuckte auf einmal wieder zu mir zurück. Sie schien weder verängstigt, noch in Panik zu sein, sondern wirkte eher ein wenig…genervt. Sie kam ein kleines Stück auf mich zu, was nicht gerade ein Vorteil für sie war, denn jetzt konnte ich gar nicht mehr gegen meinen perversen Drang ankämpfen, ihr die Zähne in den Hals zu schlagen. Ich machte einen Satz nach vorne und stürzte mich auf sie. Die Frau schrie nicht auf, wich auch nicht zurück, sondern packte mich mit einer Hand am Hals und drückte mich gegen die Wand.
„Lass das!“, fuhr sie mich an. „Zieh die Zähne wieder ein!“ Verwirrt starrte ich sie an, der Durst war vergessen.
„Hörst du schlecht?!“ Wütend klang ihre Stimme nicht mehr so engelsgleich wie auf der Bühne, sondern sehr bedrohlich und autoritär. Sie schien keine Person zu sein, die sich wiedersprechen ließ. Ich schluckte schwer, was durch ihre Hand an meinem Hals gar nicht so einfach war, bevor ich mich gesammelt hatte und antwortete.
„W – was meinen Sie?“, brachte ich erstickt heraus.
„Bringen sie den Wechslern denn heutzutage gar nichts mehr bei?“ Sie ließ mich los und trat einen Schritt zurück. „Wer hat dir geholfen hierher zu kommen?“
„Ich weiß nicht wovon Sie sprechen…“ Ich hob meine Hand und fasste mir an den malträtierten Hals, es schmerzte nicht stark, aber ihre langen Fingernägel hatten kleine blutige Kratzer hinterlassen.
„Tu nicht so dumm, natürlich weißt du wovon ich rede. Oder hast du etwa Angst mir etwas zu erzählen, was du nicht sagen darfst?“ Sie trat wieder vor, griff mir in die Haare, bog meinen Kopf nach hinten und legte die Lippen an meine Kehle. Erschrocken wich ich zurück, als plötzlich zubiss.
„Sie – Sie sind wie ich!“ Die Frau hob den Kopf, ein kleiner Tropfen Blut zuckte an ihrem Mundwinkel, er war kurz davor sich zu lösen, was er auch tat, als sie den Mund öffnete und spitze Eckzähne entblößte. Der Tropfen hinterließ eine unheimliche, rote Spur bis zu ihrem Kinn hinab. Sie hatte dasselbe getan wie ich! Also war ich doch kein seltsamer Psychopath, vielleicht war es ja doch normal, was ich getan hatte. Aber der beängstigende Ausdruck auf ihrem Gesicht und die leuchtenden, violetten Augen, die durch mich hindurchzuschauen schienen, ließen mich daran zweifeln, dass die junge Schauspielerin normal war. Bisher hatte ich noch keinen Menschen gesehen, der so wirkte wie sie, der einem zugleich Angst machte und verführerisch wirkte.
„Nein, das bin ich nicht. Denn im Gegensatz zu dir weiß ich damit umzugehen, was ich bin.“ Sie wischte sich mit dem Ärmel über den Mund, ihre Zähne waren nun wieder ganz normal, bevor sie sich wegdrehte und auf den Ausgang der Gasse zuging, ohne auch nur einen kurzen Blick zurückzuwerfen, stolzierte sie davon. Noch ehe sie den Lichtschein der Straße erreicht hatte, war ich neben ihr und hielt sie am Handgelenk zurück.
„Womit umzugehen? Was sind Sie? Was bin ich? Wenn Sie etwas wissen, dann bitte sagen sie es mir. Ich suche schon seit zwei Monaten verzweifelt nach Antworten auf meine Fragen.“ Ich fragte nicht, ich bettelte. Bettelte um Erklärungen wie die Armen auf der Straße um Geld.
Jetzt war sie es, die mich verwirrt anschaute. „Du musst doch wissen, was du bist. Sonst wärst du nicht hier…“
Ich fasste mir an die Stirn, weil mich höllische Kopfschmerzen plagten. Ich hatte meinen Durst vorhin nicht gestillt und jetzt wo ich ihn unterdrückte, pochte mein Kopf wie wild und mein Hals fühlte sich an als hätte ich eine Wüste verschluckt und das Ganze dreimal wiederholt, sodass der heiße Sand meine gesamten Rachen auf geschmirgelt hatte.
„Eben das ist das Problem, ich habe keine Ahnung was ich bin, verdammt nochmal!“, schrie ich sie an. Mit großen und immer größer werdenden Augen sah sie mir ins Gesicht, erst jetzt ging ihr Blick nicht mehr durch mich hindurch, sondern war direkt auf mich gerichtet, erst jetzt beachtete sie mich wirklich. Plötzlich wirkte sie nicht mehr wie eine furchteinflößende Furie, sondern wie ein gleichermaßen verängstigtes wie fasziniertes kleines Mädchen.
„Du hast unbewusst gewechselt? Dir hat niemand gesagt, wie es sein wird, wenn du wieder lebst? Du hattest keine Ahnung, wer oder was du bist?“ Sie wusste etwas, endlich würde ich meine Antworten bekommen, endlich würde ich nicht mehr im Unwissen wandeln. Aber daraus wurde nichts. Gerade in dem Moment in dem sie weiterreden wollte, trat ein Mann in der Kleidung eines Kutschers an den Eingang der Gasse. Die Frau drehte sich zu ihm um, nickte ihm zu, wobei ihr Blick wieder auf diese seltsame Art und Weise durch den Mann hindurch fiel, dann wandte sie sich wieder zu mir, einen Finger auf die Lippen gelegt.
„Natürlich würde es mich freuen, für ihr neues Stück vorzusprechen Monsieur…“ Sie schaute mich fragend an.
„Janvier. Mein Name ist Janvier.“
„Gut, Janvier. Ich treffe Sie dann morgen um acht in meinem Hotel ‚La rose noir‘. Und denken Sie daran, Létitia Redouté spielt nicht in jedem Stück mit. Sie müssen sich schon etwas Gutes überlegt haben.“ Sie küsste mich zum Abschied auf beide Wangen, dann folgte sie ihrem Kutscher und verschwand um die Ecke. Ich blieb noch lange in der Gasse stehen und dachte nach, bevor ich zurück in meine Wohnung fuhr.